Reharmonisierung einer einfachen Melodie
„Reharmonisierung“ heisst: Du änderst die Akkorde unter einer Melodie. Die Melodie bleibt erkennbar — nur die Harmonie bewegt sich.
Das Ziel besteht jedoch weiterhin darin, die Erkennung der Originalmelodie zu ermöglichen. Du möchtest nicht etwas Neues erschaffen, sondern etwas Bestehendes verändern.
Hier zeige ich dir ein paar einfache Möglichkeiten, ein bekanntes Lied neu zu harmonisieren: Happy Birthday!

Bebop-Reharmonisierung
Ich habe dieses Thema bereits zuvor behandelt, insbesondere hier: Harmonische Analyse. Um es einfach zu halten und zu vermeiden, in Dominantseptakkorden zu denken, verwenden wir einfach Dur-Akkorde.
Zusammenfassend bedeutet dies, dass wir die Akkorde durch die Stufen b2, 5 oder b7 in Dur ersetzen oder sie verzögern. Theoretisch könnten wir also anstelle des ersten C-Dur-Akkords einen Db-Dur-, B-Dur- (Bb) oder G-Dur-Akkord spielen. Natürlich würde die Melodie dieselbe bleiben.
Das Problem ist, dass uns dieser Ansatz ziemlich einschränken würde. Um dies zu erweitern, könnten wir von jeder dieser ersetzten Stufen einen Moll-Akkord eine Quinte höher spielen.
Um es noch einmal zusammenzufassen:
C-Dur ist unser Anfangsakkord. Daraus kann ich die Stufe b2, 5 oder b7 als Ersatzakkord in Dur nehmen. Aus diesen Ersatzakkorden kann ich dann einen Moll-Akkord der 5. Stufe nehmen.
Beispiel: C (Dur) -> b7 von C wäre B-Dur (Bb) -> die 5. Stufe von B-Dur (Bb) wäre F (Moll).
Da diese Version etwas wild klingt, könnten wir einige dieser wilden Akkorde einfach weglassen und es weniger stressig machen. Auf diese Weise klingt es nicht so schlecht.
Die Noten dazu kannst du auf meinem Patreon herunterladen.
Harmonische Substitution
Jetzt der zahmere Trick. Akkorde, die in der Tonart eine ähnliche Funktion haben — und die Töne gemeinsam haben — können oft füreinander einspringen. In C-Dur ist die Tonika-Familie C (I), Em (iii) und Am (vi): alle drei fühlen sich nach Zuhause an. G (V) gehört nicht dazu — das ist die Dominante, der Akkord, dessen ganzer Job es ist, dich zurück nach C zu ziehen. Em ist die dritte Stufe von C-Dur, und C und Em teilen sich zwei Töne (E und G) — darum lassen sie sich so leicht tauschen.
In „Happy Birthday“ kann ein C also in vielen Takten zu einem Am oder Em werden. Aber eben nicht in jedem Takt — das hängt vom Melodieton über dem Akkord ab, von der Bassline und davon, wohin die Phrase will. Spiel es Takt für Takt durch und behalte das, was immer noch nach dem Lied klingt.
Die anderen beiden Familien funktionieren genauso. Dm (ii) und F (IV) haben beide Subdominantfunktion und zwei gemeinsame Töne (F und A), die tauschen also gut. G (V) und H° (vii°, im Englischen „Bdim“) enthalten beide den Leitton H und wollen beide auflösen — aber H° ist ein verminderter Akkord ohne den Grundton der Dominante. Behandle ihn als leichtere, transparentere Dominante, nicht als beliebigen Ersatz für G.
Und hier ist der Punkt, den die meisten falsch herum im Kopf haben: Was eine Substitution trägt, sind gemeinsame Funktion, gemeinsame Töne und vergleichbare Spannung — nicht die Tatsache, dass zwei Stufen in der Tonleiter zufällig nebeneinander liegen. Em und F sind in C-Dur Nachbarn und haben keinen einzigen Ton gemeinsam; als Ersatz füreinander taugen sie nichts.
Genau deshalb ist die Stimmführung wichtiger als der Akkordname. Halte den Melodieton oben, bewege die Mittelstimmen so wenig wie möglich — dann klingt selbst eine mutige Substitution, als hätte sie schon immer dort hingehört.
Drop2-Akkorde sind dafür sehr praktisch. Drop2 selbst verteilt nur eine enge Lage neu — der zweithöchste Ton wandert eine Oktave nach unten — und legt damit noch nicht fest, welcher Ton oben liegt. Was Drop2 dir gibt, sind vier Umkehrungen pro Viertonakkord, jede mit einem anderen Akkordton obenauf, und alle auf benachbarten Saitensätzen spielbar. Ist der Melodieton also ein Akkordton, liegt in der Nähe eine Drop2-Form, die genau diesen Ton nach oben holt.
Zum Beispiel einfach so:
Die Noten dazu kannst du übrigens auf meinem Patreon herunterladen.