Technik

Loopen ohne Looper-Pedal (deine DAW kann das längst)

Du brauchst keine vierstellige Looper-Anlage, um wie vier Gitarristen zu klingen. Du brauchst eine DAW, etwas Geduld und die Bereitschaft, dein eigenes Spiel stummzuschalten.

Loops sind gerade sehr angesagt. Oder zumindest wurden sie es in dem Moment, als Ed Sheeran anfing, ganz allein Stadien zu füllen — mit einer Looper-Anlage von der Grösse eines kleinen Küchengeräts. Zur Klarstellung: Dieses Ding ist kein Pedal, das man kaufen kann. Der Chewie Monsta ist ein selbstgebauter MIDI-Fusscontroller, den er mit seinem Techniker Trevor Dawkins gebaut hat und der ein Looper-Plugin auf einem Computer hinter der Bühne steuert. Falls du also je im Musikladen standest und dich gefragt hast, welche Kiste dich in eine Ein-Mann-Band verwandelt: schlechte Nachricht — und gleichzeitig eine gute, denn du besitzt wahrscheinlich längst etwas Besseres.

Zuerst: Was ist ein Loop überhaupt?

Ein Loop ist etwas, das du einmal spielst und das sich dann wiederholt. Viele, viele Male. Das war's. Das ist die ganze Idee.

Der Zauber liegt nicht in der Wiederholung, sondern im Schichten. Du nimmst eine Basslinie auf, sie läuft in der Schleife. Darüber nimmst du eine Melodie auf. Über die eine zweite Melodie. Dann noch etwas Perkussion auf der Gitarrendecke, dann eine Harmoniestimme — und plötzlich klingt eine Person mit einer Gitarre wie eine Band, die vier Hotelzimmer braucht.

Wie „faken" wir das jetzt in der DAW?

Und gefaked ist es eigentlich nicht — es ist dieselbe Idee, nur ohne Pedal. Ein Looper schichtet live, in Echtzeit. Das ist aufregend und bedeutet gleichzeitig, dass ein misslungener Take für die nächsten vier Minuten das Fundament deines ganzen Songs ist. Eine DAW (Logic, Ableton, Reaper, Cubase — was du eben hast) schichtet genauso, lässt dich aber korrigieren, einen Takt neu einspielen und generell nicht in Panik geraten. Der Tausch ist fair: Das Pedal gibt dir den Nervenkitzel, die DAW gibt dir eine zweite Chance.

So sieht mein Ablauf aus.

Schritt 1 — zuerst alle „Loops" aufnehmen

Bevor du ans Arrangieren denkst, bringst du jede Ebene auf die Timeline. Probier herum, teste Sachen, behalte die Takes, bei denen du grinsen musstest. Das sieht dann so aus:

Logic-Pro-Timeline mit acht aufgenommenen Gitarren- und MIDI-Regionen als Loop-Ebenen vor dem Arrangieren

Hier ist alles aufgenommen, mehr oder weniger gut klingend. Ich habe auch ordentlich herumprobiert, neue Ideen getestet, etwas Perkussion ergänzt und behalten, was funktioniert hat. In Logic heisst jeder dieser waagrechten Blöcke Region — ein aufgenommenes Stück Audio auf einer Spur. Andere DAWs nennen sie Clips oder Items; dasselbe Ding.

Und das machen die einzelnen Ebenen. (Und ja — in meiner ersten Fassung hatte ich Melodie und Bass vertauscht. Sorry dafür. Die Bezeichnungen unten stimmen.)

  • Bass + Bass Double. Die Basslinie, zweimal eingespielt — beide Male exakt derselbe Part, dann einer hart nach links, der andere hart nach rechts gepannt. Du kannst es körperlich nicht auf die Millisekunde identisch spielen, und genau diese winzige menschliche Ungenauigkeit sorgt dafür, dass es breit klingt statt dünn. Denselben Trick benutze ich für alles in Aufnahme einer E-Gitarre im Heimstudio.
  • Melodie (zwei Ebenen). Das Hauptthema, plus eine zweite Ebene darunter, die es leicht anders spielt. Keine Kopie — eine zweite Stimme. Zwei Menschen, die dieselbe Linie singen, klingen nie wie eine lautere Person, und hier ist es genauso.
  • Die Akkorde. cis-Moll, H-Dur, A-Dur, E-Dur. Dazu gleich mehr, denn darin versteckt sich ein hübsches Stück Theorie.
  • Flageoletts. Die schimmernde Ebene. Für natürliche Flageoletts drückst du die Saite gar nicht runter — du legst eine Fingerkuppe ganz leicht auf, direkt über dem Bundstäbchen, schlägst an und nimmst den Finger sofort weg. Sie liegen auf jeder Saite am 5., 7. und 12. Bund. Der 12. ist mit Abstand der einfachste und lauteste; der 5. und der 7. sind zickiger und wollen einen leichteren, genaueren Kontakt.
  • Die Live-Spur. Das bin ich, wie ich „live" mitspiele, während das Video läuft. Es ist die einzige Region, die es am Anfang noch gar nicht gibt.
  • MIDI-Bass. Der letzte, und der ist gar keine Gitarre — ein MIDI-Bass, damit der Tiefbass wirklich tief ist. Meine Gitarre kommt da nicht runter, und ich hatte diesmal keine Lust auf einen Octaver. Es gibt keinen Preis dafür, alles auf einem Instrument zu machen.

Ein bewusstes Detail: Die erste Melodie-Ebene startet rund einen Takt vor allem anderen. So hörst du sie zuerst allein, und der Rest des Arrangements legt sich darüber — also genau das, was ein Looper macht, wenn jemand vor deinen Augen einen Song aufbaut.

Der Nerd-Teil: diese vier Akkorde

cis-Moll – H-Dur – A-Dur – E-Dur. Kurz zur Schreibweise: Man könnte versucht sein, den ersten Akkord als des-Moll zu notieren, und klanglich ist das dasselbe. Aber des-Moll ist eine theoretische Tonart mit acht Bs (inklusive eines doppelt erniedrigten H), die niemand schreibt — mit H, A und E daneben ist cis-Moll die einzig sinnvolle Schreibweise.

Jetzt der schöne Teil. Vergleich die vier einmal mit der Tonart E-Dur, deren Tonleiter E – Fis – Gis – A – H – Cis – Dis lautet. Baust du auf jeder Stufe einen Akkord, bekommst du E (I), fis-Moll (ii), gis-Moll (iii), A (IV), H (V), cis-Moll (vi) und dis-vermindert (vii°). Die Verbindung ist also vi – V – IV – I: Sie startet auf der Moll-Parallele, läuft über Dominante und Subdominante abwärts und kommt erst ganz am Schluss auf E nach Hause. Dieses späte Ankommen ist der Grund, warum sich der Loop dauernd nach vorne zu lehnen scheint, statt sich hinzusetzen — perfektes Verhalten für etwas, das sich zwanzigmal wiederholen muss, ohne langweilig zu werden. Falls römische Ziffern noch Nebel sind, fang mit der harmonischen Analyse an.

Schritt 2 — festlegen, wer was wie lange spielt

Sobald alles aufgenommen ist (alles ausser dem Live-Part), beginnt das eigentliche Arrangieren: Wo willst du welche Ebene, und wie lange?

Beschriftete Logic-Pro-Spuren — Bass, Bass Double, Melodie, Melodie 2, Flageoletts und Live-Spur — mit in Abschnitte geschnittenen Regionen

Jetzt siehst du Schnitte in den Regionen. Ich habe die Ebenen in Abschnitte zerlegt und angefangen, kleine Teile stummzuschalten, um zu hören, wie es klingt, wenn diese Stellen nicht da sind. Diesen Schritt überspringen die meisten, und genau er entscheidet, ob das Stück atmet oder nur vor sich hin dröhnt. Ein Loop, in dem ständig alles spielt, ist eine Wand. Ein Loop, in dem der Bass vier Takte aussetzt und dann zurückkommt, ist ein Arrangement.

Spiel dabei mit. Nicht „anschauen und es dir vorstellen" — spiel wirklich mit und hör auf die Lücken. Deine Ohren sagen dir, wo du gehört werden willst.

Schritt 3 — die Stellen stummschalten, die du live spielst

Jetzt der Trick, der das Ganze überhaupt funktionieren lässt. Die ausgegrauten Regionen sind stummgeschaltet:

Logic-Pro-Projekt mit ausgegrauten, stummgeschalteten Regionen und Pfeilen zu den Stellen, an denen die Live-Gitarre die Lücken füllt

Diese stummen Stücke sind genau die Teile, die ich live vor der Kamera spiele. Die Pfeile zeigen von jedem Loch im Backing Track auf die Stelle im Live-Take, die es füllt. Übrig bleibt ein Backing Track mit einer gitarrenförmigen Lücke darin.

Schritt 4 — in die Löcher hineinspielen

Und das war's im Wesentlichen. Du drückst Play und spielst die fehlenden Teile selbst: hier die Melodie, dort die Flageoletts, in Takt neun das kleine perkussive Ding. Für die Kamera — und für alle, die zuschauen — sieht das exakt nach einer Looper-Show aus. Weil es eine ist. Die Ebenen sind nur gestern entstanden statt vor neunzig Sekunden.

Vier Dinge, die dir viel Fluchen ersparen

  1. Nimm vom allerersten Take an mit Klick auf. Jede Ebene muss für immer zu jeder anderen passen. Ohne Klick merkst du bei Ebene fünf, dass Ebene eins seit Takt drei wegdriftet — und das lässt sich nicht reparieren, nur neu einspielen.
  2. Gönn dir einen Einzähler und ein paar leere Takte am Anfang. Nichts ist ärgerlicher als ein perfekter Take, bei dem der erste Ton abgeschnitten ist.
  3. Stummschalten statt löschen. Eine stumme Region ist in zehn Sekunden zurück, wenn du es dir anders überlegst. Eine gelöschte bedeutet eine neue Aufnahmesession.
  4. Mach die Lücken etwas grösser, als du denkst. Live spielen ist nicht dasselbe wie gemütlich auf dem Sofa vor dich hin spielen — du atmest, du setzt die Hand neu an, du verpasst den Einsatz um einen Schlag. Gib dir den Platz.

Mach das einmal, und du verstehst besser, was ein Looper eigentlich tut, als die meisten Leute, die einen besitzen. Und falls du dir irgendwann doch das Pedal kaufst, kannst du bereits dafür arrangieren — und das ist der schwierige Teil. Willst du dieselbe Schichten-Idee ins eigene Songwriting mitnehmen, geht es weiter mit Songwriting — von der Idee zum Riff, und wenn du lieber ein Loop-Arrangement in Aktion sehen willst, gibt es Harder Better Faster Stronger als Gitarren-Loop.

Wenn dir das ein Pedal erspart hat, das du gar nicht gebraucht hättest, kannst du mir auf Patreon einen Kaffee ausgeben — kein Druck, rein für die Riffs. Und jetzt: Sei eine vierköpfige Band ganz allein. 🙂