Es gibt eine ganz besondere Gitarristen-Selbstzufriedenheit, die den Open-String-Licks vorbehalten ist: Du spielst ungefähr die Hälfte der Töne, den Rest erledigt die Physik — und alle im Raum denken, deine Greifhand vollbringe gerade Heldentaten. Tut sie nicht. Sie geht meistens nur aus dem Weg, während eine Leersaite die Gefühlsarbeit übernimmt.
Genau dieser Trick steckt in diesem kurzen Clip, direkt aus einem Gitarrensolo von Atomic Symphony geklaut. Ein kompakter Open-String-Lick, bei dem gegriffene Töne und klingende Leersaiten übereinanderpurzeln und der Phrase gleichzeitig Tempo und einen breiten, kaskadierenden Klang geben.
Wie dieser Open-String-Lick funktioniert
Die Idee ist simpel und ein bisschen hinterhältig: Du wählst eine Tonart, deren Tonleiter die Töne deiner Leersaiten enthält — E-Moll und G-Dur sind die Klassiker zum Nulltarif, denn die offenen E, A, D, G, H und E gehören alle dorthin. Statt die Tonleiter brav in einer Lage zu spielen, verteilst du sie so über die Saiten, dass ein hoher gegriffener Ton und eine tiefe Leersaite gleichzeitig klingen. Weil du nichts abdämpfst, überlappen die Töne wie ein Klavier mit getretenem Haltepedal — und genau diese Überlappung ist die ganze „Kaskade".
Die konkrete Erkenntnis: Lass die Leersaite den Klang tragen, während deine Greifhand das Griffbrett hochspringt. Der klingende Ton verschafft dir Zeit für den Lagenwechsel — ein Lick, der wie ein wilder Wasserfall klingt, ist oft nur eine faule Tonleiter in Verkleidung. Lust auf den drone-lastigen Verwandten? Probier ein Riff mit offenen Saiten oder denselben Trick mit übermäßiger Quarte im C-Lydisch Open-String-Lick.
Kleine Warnung: Hast du die Open-String-Licks einmal entdeckt, tauchen in deinen Soli verdächtig viele Leersaiten auf, und deine Schüler fragen, warum plötzlich jede Phrase klingt wie eine Harfe, die die Treppe runterfällt. Tabs und Guitar Pro gibt's auf meinem Patreon.