Jeder lernt seinen ersten Dur-Dreiklang, spielt ihn einmal, fühlt sich wie ein Genie — und macht dann das typische Gitarristen-Ding: springt drei Bünde zur Seite zum nächsten Akkord, als wäre das Griffbrett aus Lava. Diese kleine Übung ist die Entziehungskur. Dur-Dreiklänge, alle zwölf, die sich durch den Quartenzirkel schleichen und sich dabei so wenig wie irgend möglich bewegen — denn gutes Voice Leading ist im Grunde die Kunst, mit voller Absicht faul zu sein.
Das ist Übung Nr. 19 aus der Voice-Leading-Reihe, und diese Folge lebt auf dem mittleren Saitensatz: der G-, D- und A-Saite. Ein Dreiklang pro Schlag, jeder Akkord übergibt an den nächsten, indem er einen gemeinsamen Ton behält und die anderen beiden Töne zum nächstgelegenen Bund weiterrutscht. Kurz, aufgeräumt und ganz nebenbei baut es um, wie deine Greifhand über Dreiklänge und Umkehrungen denkt.
Wie diese Voice-Leading-Übung funktioniert
Ein Dur-Dreiklang besteht aus nur drei Tönen — Grundton, große Terz, reine Quinte — und man kann sie nur auf drei Arten stapeln: Grundstellung, erste Umkehrung, zweite Umkehrung. Voice Leading ist die Disziplin, immer diejenige Umkehrung zu wählen, die dem gerade gespielten Akkord am nächsten liegt. Auf dem Weg durch den Quartenzirkel (C, F, B, Es und so weiter) teilen sich je zwei benachbarte Akkorde genau einen gemeinsamen Ton. Der Trick lautet also: diesen gemeinsamen Ton stehen lassen und nur die anderen beiden Stimmen zum nächstgelegenen Bund bewegen, statt die ganze Hand neu zu setzen. Macht man es richtig, zeichnen die oberen Töne eine kleine, fließende Melodie — das ist der „melodische“ Teil — während deine Greifhand pro Akkord kaum einen Bund weit reist.
Die konkrete Erkenntnis: Nimm irgendeinen Dur-Dreiklang auf der G-, D- und A-Saite und finde den nächsten Akkord im Quartenzirkel, ohne dass deine Hand den Hals hochrutscht. Wenn deine Finger fünf Bünde springen wollen, hast du die falsche Umkehrung gewählt — es gibt immer eine nähere. Trainiere das auf einem Saitensatz, bis es automatisch läuft, und plötzlich hörst du Voice Leading überall: im Jazz-Comping, in Streicherarrangements, in jeder flächigen Akkordfolge, die vorher wie Zauberei klang.
Kleine Warnung: Wenn du das erst mal kannst, fühlen sich stumpfe Blockakkorde an wie Cornflakes mit der Gabel essen. Die kompletten Tabs und die Guitar-Pro-Datei gibt es auf meinem Patreon — damit deine Greifhand ganz bequem zu Hause schön leiden darf.